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Gemeinschaftshauptschule Drimborn nimmt als eine von 60 Schulen in NRW am Schulversuch teil. Mehr Lehrerstellen.

VON MARGOT GASPER (aus AZ · Donnerstag, 9. Januar 2020 · Nummer 7)

Talente

Wie kriegt man es hin, dass Kinder besser lesen, Texte verstehen und schreiben können? Und wie kann man besonders jene Kinder fördern, die zu Hause nicht viel Unterstützung bekommen? Die Gemeinschaftshauptschule Drimborn wird sich in den nächsten Jahren besonders eingehend mit diesen Fragen beschäftigen. Denn die Schule ist nun offiziell Talentschule.

Als einzige Aachener Schule nimmt sie am gleichnamigen Schulversuch der nordrhein-westfälischen Landesregierung teil. Ausgewählt wurde die Schule im Dezember für den zweiten Durchgang, der im kommenden August an den Start geht. Aus der Städteregion ist außerdem das Berufskolleg Alsdorf dabei. Bereits seit Sommer 2019 ist die Hauptschule Hückelhoven (Kreis Heinsberg) Talentschule.

 Nur sieben Hauptschulen dabei

Insgesamt 60 weiterführende Schulen sollen bis 2025 besondere pädagogische Konzepte entwickeln und umsetzen, um Kinder besser zu fördern und soziale Nachteile zu überwinden. 35 wurden in einem ersten Bewerbungsverfahren von einer elfköpfigen Jury bestimmt, 25 kommen jetzt im zweiten Durchgang dazu. „Insgesamt sind in ganz NRW nur sieben Hauptschulen dabei“, sagt Michael Geurtz, Schulleiter an der Oberen Drimbornstraße. „Und in der zweiten Kohorte sind wir sogar die einzige Hauptschule.“ Geurtz und seine Stellvertreterin Andrea Leitner sehen in dem Schulversuch eine große Chance für ihre Schule.

Die Talentschulen erhalten zusätzliche Lehrkräfte und können damit ihr Unterrichtsangebot ausweiten. Das Land hat angekündigt, insgesamt mehr als 400 Lehrerstellen für den Schulversuch bereitzustellen. Jede der 60 Schulen erhält einen Zuschlag von 20 Prozent auf ihren Grundstellenbedarf. Für die GHS Drimborn bringt das ungefähr vier ganze Lehrerstellen. Zum Beginn des neuen Schuljahrs soll die Verstärkung am Start sein. Auch das Fortbildungsbudget fürs Kollegium wird erhöht.

Die Landesregierung will mit dem Schulversuch Strategien entwickeln, damit der Bildungserfolg von Kindern weniger von der sozialen Herkunft und vom Einkommen des Elternhauses abhängt. Die Hauptschule Drimborn hat in dem Bereich schon viel Erfahrung. „Bildungserfolg von der sozialen Herkunft entkoppeln, das ist unser täglich Brot“, erklärt Michael Geurtz. „Die Kinder, die zu uns kommen, haben in der Regel vier bis fünf Jahre Grundschulzeit durchlebt, die mit viel Misserfolg verbunden waren und häufig mit wenig Unterstützung zu Hause.“ Nach sechs Jahren an der Hauptschule Drimborn sollen nach Möglichkeit alle eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt haben oder die Chance auf einen höherwertigen Schulabschluss.

 Das Ziel: eIn guter Abschluss

Und das gelingt offenbar schon jetzt sehr gut. Von den Schülerinnen und Schülern, die aktuell die drei Zehnerklassen der Schule besuchen, werden zwei Drittel den Hauptschulabschluss schaffen, ein  weiteres Drittel wird die Schule mit dem mittleren Schulabschluss (Fachoberschulreife) verlassen. Früher nannte man das auch „mittlere Reife“, diesen Abschluss erwerben auch Real- und Gesamtschüler mit der Klasse 10. Und 50 Prozent der Hauptschüler mit mittlerem Schulabschluss werden auf ihrem Zeugnis sogar den Qualifizierungsvermerk für die gymnasiale Oberstufe haben, erwartet Geurtz. Nur ganz selten komme es vor, dass ein Jugendlicher ganz ohne Abschluss von der Schule gehe, sagt er.

 „Enorme Defizite“

Mit dem Schulversuch will die GHS Drimborn Spielräume gewinnen, um die passgenaue Förderung für die rund 370 Schülerinnen und Schüler noch weiter zu verbessern. Und da bringt jedes Kind seine Talente und seine Geschichte mit. Manche haben auch einen speziellen Förderbedarf, manche sind aus dem Ausland zugezogen und müssen erst die deutsche Sprache lernen. Ein Schwerpunkt der Bemühungen werden die sogenannten Mint-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sein. Vor allem aber will sich die Schule noch intensiver mit dem Thema Sprache beschäftigen. Denn nur wer die Sprache gut beherrscht, kann im Unterricht mitmachen und sich den Schulstoff in den einzelnen Fächern aneignen. „Schulerfolg steht und fällt mit der Sprachkompetenz“, sagt Michael Geurtz. „Und da gibt es enorme Defizite, da müssen wir ran.“ Die Schule möchte im Rahmen des Schulversuchs ein ganz neues Sprachbildungskonzept entwickeln. „Denn mit den  herkömmlichen Methoden kommen wir nicht weiter“, ist Andrea Leitner überzeugt. Gefragt seien neue Ideen für eine durchgehende Sprachförderung.

 Sprachkompetenz fehlt häufig

Mit der fehlenden Sprachkompetenz der Schüler haben allerdings nicht nur die Hauptschulen zu kämpfen.„Das ist ein Problem aller Schulen“, betont Jürgen Rudig. Als Schulaufsichtsbeamter im Schulamt der Städteregion ist er auch für die Hauptschule Drimborn zuständig. Dass die Schule sehr gute Arbeit leiste, habe sie immer wieder unter Beweis gestellt, sagt Rudig und verweist etwa auf die Qualitätsanalyse im November 2017. Damals erreichte die Schule das beste Ergebnis aller Hauptschulen im Regierungsbezirk Köln. „Diese hervorragende Arbeit setzt sich nun fort“, ist Rudig überzeugt. Aus seiner Sicht dürfte es kein Problem sein, die zusätzlichen Lehrerstellen für den Schulversuch zu besetzen. Schließlich werden in der Städteregion mehrere Hauptschulen auslaufend geschlossen.

 Es gibt auch Kritik

Der Schulversuch Talentschulen ist indes nicht unumstritten. Vor allem Lehrerverbände kritisierten zum Start, dass sich die Landesregierung auf 60 Leuchtturmprojekte konzentriere, während sehr viel mehr Schulen in sozialen Brennpunkten dringend Unterstützung bräuchten. Michael Geurtz ist hingegen zuversichtlich, dass von den Erkenntnissen, die die Talentschulen gewinnen, letztlich alle anderen Schulen profitieren können. Wegen des hohen Aufwands hatten die Aachener Schulpolitiker im Vorfeld dafür votiert, dass interessierte Aachener Schulen nur am zweiten Bewerbungsdurchgang teilnehmen sollten. Neben der GHS reichten auch die 4. Gesamtschule, die Heinrich-Heine-Gesamtschule und die Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße Konzepte ein. Als zuständiger Schulaufsichtsbeamter für die Hauptschulen in der Städteregion hat Jürgen Rudig die Bewerbung der beiden Aachener Hauptschulen begleitet und unterstützt. „Schade, dass die Aretzstaße nicht zum Zuge gekommen ist“, findet er.

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